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Erinnerungen an Hans Weidmann

Ich habe ihn vor 60 Jahren beim Rudern kennengelernt. Ich wusste, dass er malte und dass er vor kurzem noch bei seinem Vater in dessen Werkstatt als Holzbildhauer gearbeitet hatte, Arbeiten, die ihm solide handwerkliche Kenntnisse verschafften. Die Passion für Holz blieb ihm bis in die letzte Zeit erhalten und führte zu einem reichen Werk von Holzschnitten. Natürlich ergaben sich damals zwischen uns viele, meist nächtliche Gespräche über Kunst und da konnte es dann geschehen, dass wir in einer Begeisterung mit dem Velo ins Morgengrauen losfuhren und den Passwang bestiegen. Oder wir radelten zusammen mit unseren Freundinnen in die Freiberge, stellten das Zelt jeweils an romantischen Ecken auf. Später mietete Hans am Etang de Gruyère für mehrere Monate ein Haus und malte eine ganze Serie von Landschaften in dieser damals noch stillen, weiträumigen Gegend.

Mit Hans teilte ich auch die Begeisterung für japanische Farbholzschnitte, die 1947 zur ersten Ausstellung in unserer Galerie führte, nachdem wir vorher zusammen die Büchergestelle mit Rupfen überspannt hatten. Ein andermal, nach Hängung einer Ausstellung mit Zeichnungen vom Impressionismus bis Picasso und Klee fuhren wir mit Freunden mit dem Schiff nach Strassburg, bestiegen nach all den Aperitifs auf Deck etwas benommen das Strassburger Münster, um dann anschliessend ein längeres Mahl einzunehmen, das bis in den Abend dauerte. Darauf landeten wir auf einem Studentenball und fuhren mit dem ersten Zug am Morgen nach Basel zurück. Diese Unternehmungslust und seine unbekümmerte Fröhlichkeit begleiteten Hans stets und übertrugen sich auf seine Umgebung. Derweilen war der Maler Weidmann nicht untätig geblieben. Mit Kämpf, Glatt, Comment, Moillet, Stettler und anderen gründete er den Kreis 48, mit einer ersten Ausstellung in unserer Galerie im Jahre 1948. Mit diesen Freunden blieb Hans immer verbunden, auch dann noch, als der 48er Kreis nicht mehr existierte.

Jedes Jahr dehnte er den Radius seiner Reisen nach fernen Zielen weiter aus. Zusammen fuhren wir nach Ägypten und in den Sinai, nach Afrika zu den Wandmalereien im Tassili, dann nach Persien und in die Türkei, nach Marokko, Nepal und Indien. Der Wunsch, Neuem zu begegnen, räumte stets Hindernisse aus dem Wege, und Unbequemlichkeiten nahm man gerne in Kauf. Immer wieder skizzierte Hans, wenn es Unterbrüche auf der Fahrt gab. Meistens allerdings hielt er seine Eindrücke von Land und Leuten, Leben und Kultur in Öl oder Acrylbildern, in Aquarellen und Holzschnitten in seinem Atelier fest. Er arrangierte dann gleich eine Ausstellung, liess sich, wenn nötig, noch medizinisch versorgen, und bereitete bereits seine nächste Reise vor, las viel über das Reiseziel, füllte den Landrover oder den Wohnwagen sorgfältig mit Ausrüstung und Material, und verabschiedete sich jeweils wieder für einige Monate. Immer wieder realisierte er auch Wandbilder, Mosaiken und Glasfenster für Schulhäuser, Banken und andere Auftraggeber, lieferte er Aquarelle und Holzschnitte für Bazare, Altersheime oder besorgte ganze Dekors für Veranstaltungen und Feste. An diesen Festen wirkte er dann meist mit seiner ansteckenden Fröhlichkeit und Unbeschwertheit mit. Er konnte nicht genug, auch als grosszügiger Gastgeber mit hervorragenden Grilladen und Weinen, den «Obe lobe». Aber immer haben wir mit ihm auch gute Gespräche über Kunst geführt, besonders nach Besuchen von Museums-Ausstellungen und Galerien in der Schweiz oder in Paris.

Auf Ios, in der Ägeis, hatte ich oft Gelegenheit, ihm beim Aquarellieren zuzusehen, wenn er mit dickem Pinsel in einem Strich feinste, transparente Tonabstufungen aufsetzte und dann eng mit der Natur verbunden — jedoch stark abstrahierend und souverän — einige Akzente oder Figuren einsetzte. Sein reiches Wissen gab er jahrzehntelang an der Schule an junge Künstler weiter, aber immer auch an Kollegen und Malerfreunde. Und die Fasnacht mit all ihren künstlerischen und kreativen Möglichkeiten faszinierte ihn Jahr für Jahr: Keine Fasnacht ohne seine Schnitzelbank-Zeichnungen, Kostümentwürfe und farbenfrohen Laternen. Für einen festlichen Anlass hat er im Museumsrohbau 1996 in Riehen unter Aufbietung all seiner Kräfte noch 22 riesige Panneaux als Geschenke zur Freude aller Teilnehmer gemalt.

Bei einem meiner letzten Spitalbesuche sagte er mir: «sie schablonieren mich» — vielsagend und geheimnisvoll — Worte, die mich an letzte Klee- oder Picasso-Bilder erinnerten oder auch an seine letzten, in Einzelteile zerlegten, Aquarelle.

Jetzt präsentieren wir eine Auswahl aus seinen Atelierbeständen, wobei wir überraschend Bilder entdeckten, die er in den letzten Jahren gar nicht mehr gezeigt hatte. In diesen Werken aus all seinen Schaffenszeiten zeigen sich nach der Frühzeit bald Elemente einer lockeren kubistischen Formensprache, die einen architektonischen Bildbau ermöglicht. In den Figuren aber ist Hans Weidmann seiner expressiven, spontanen Ausdrucksweise treu geblieben — und es ist diese Mischung, welche die lebendige Frische seiner Bilder ausmacht.

Ernst Beyeler