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Vorwort zum Katalog der Ausstellung "I Love Yellow"

Gelb - die Sprache des Lichts

Farben sind für den Wissenschaftler physikalische Phänomene, zerlegbar und analysierbar. Farben dienen dem Dichter, Atmosphärisches sichtbar zu machen, vom Silberglanz des Mondes bis zur blauen Blume der Romantik. Farben sind für den Augenmenschen Mitteilungen von unendlicher Vielfalt. Die Sprache der Farben verstehen zu lernen, ist eine lebenslange Lektion von hoher Wonne. Die besten Lehrmeister sind eben Werke der Kunst

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Farben lösen Gefühle aus. Menschen unserer Breitengrade denken bei Rot an Wärme und Temperament, während sich bei Blau kühle Ruhe ausbreitet. Um einiges komplizierter wird es bei der Farbe Gelb, bei unserem Thema. Man stösst auf kontroverse Meinungen. Gelb ist für die einen Licht und Heiterkeit, für die anderen Schärfe und Aggression. Vielleicht hilft der Gebrauch in verschiedenen Sprachen weiter? Rouge - Red - Rot hat durchwegs den sorglosen Klang des Sinnlichen, gewürzt mit - vor allem im Englischen - spritziger Energie. Vertrauen wir uns dem gedehnten Echoschall von Bleu - Blue - Blau an, gleiten wir in sanftem Fahrtwind zur Insel der Träume. Aber wie sollen wir gelb verstehen? Als ein fanfarenhaftes Aufblitzen im Englischen "yellow"? Oder als weichen Schimmer im Fluss des französischen "jaune"? Vollends verwirrlich wird es im Deutschen, wo die Etymologie von Gelb einerseits auf die Verwandtschaft mit der Bitterkeit von "Galle" hinweist, anderseits auf die Substantivbildung "Gold". Kurz: Der Sprachgebrauch bietet zur Entschlüsselung des Gelb wenig Hilfe, er weist höchstens darauf hin, dass wir es da mit einem wenig stabilen, aber um so interessanterem Freund zu tun haben.

Eine gewisse Ambivalenz im Umgang mit Gelb widerspiegelt sich auch in künstlerischen und psychologischen Meinungen.

Für Wassily Kandinsky ist Gelb eine "spitze" Farbe, und sie "beunruhigt den Menschen, sticht, regt auf". (Wassily Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst. Benteli.) Dagegen tönt Johannes Ittens Ansicht wie eine Ehrenrettung. Er sieht Gelb "als die lichtvollste aller Farben", der "symbolisch der Verstand, das Wissen zugeordnet ist. (J.Itten, Maier Ravensburg.)

In der Antroposophie, die Farben auch als Therapie und Heilung einsetzt, spielt Gelb als Ausdruck des Lichts eine grosse Rolle, es könne in seiner hellsten Ausprägung sogar "ein Wissen von weiten Entfernungen in der Zeit vermitteln". (Liane Collot d'Herbots, Licht, Finsternis und Farbe in der Maltherapie, Goetheanum.)

Max Lüscher urteilt aus der Sicht der Farbpsychologen: "Gelb ist eine Grundfarbe. Sie wird von Menschen bevorzugt, die veränderte, befreiende Verhältnisse suchen, die sich, vom Fernweh getrieben, auf weite Reisen begeben. Auch Flugbegeisterte, die sich gern vom Boden der Realität loslösen, bevorzugen oft die Farbe gelb." (Max Lüscher, Der 4-Farben-Mensch" Goldmann Taschenbuch)

Ganz eindeutig ist die Rolle des Gelb in der Natur: Löwenzahnwiesen und Senffelder, Sonnenblumen und im Herbst Gingko und Buche sind Jubel des Lichts, sogar im verborgenen Gelbwunder des Eidotters.

Künstlers Lande

Die spannendsten und vielfältigsten Aussagen über Farbe macht die Malerei aller Zeiten. Dabei wird die Sprache der Farbe von jedem Künstler für sich selbst neu formuliert und muss von uns neu abgelauscht werden.

Um nun aber diese Sprache zu begreifen, befolgt man am besten Goethes Rat, der nicht nur für "Dichter", sondern auch für bildende Künstler gilt: "Wer den Dichter will verstehen
Muss in Dichters Lande gehen."

Es ist ein Glücksfall sondergleichen, dass uns die Ausstellung erlaubt, "Künstlers Lande" unter dem konzentrierten Licht einer speziellen Farbe zu betrachten: Gelb. Wobei man allerdings sogleich entdeckt, dass hier nicht nur einfach von "Gelb" die Rede sein darf, sondern von vielfältigsten Gelbtönen. Sie entstehen einerseits aus Mischungen des Gelb mit weiteren Farben (und Gelb ist wie das benachbarte Weiss besonders rasch veränderbar); anderseits kann dasselbe Gelb durch unterschiedlich farbige Umräume völlig verschieden wahrgenommen werden. Schauen ist hier wie Lieben: Es ist die Nuance, die den Genuss immer anders und erstmalig macht.

Gelb geht als Leuchtspur durch die Kunst der Jahrhunderte. Wenn Matthias Grünewald im Isenheimer Altar Christus in der Gloriole Gelb und Orange auferstehen lässt, begriffen die Zeitgenossen das überirdische Wunder. Konrad Witz konnte sich auf den Symbolcharakter der Farbe verlassen: Das gelbe Kleid seiner "Synagoge" wurde als Ausdruck des hellwachen Geistes verstanden. Und deutet sich nicht noch in der gelben Mütze des wundersam-einfältigen "Gilles" von Antoine Watteau die heimliche Erinnerung an eine Aureole an? In Caspar David Friedrichs gelbschimmernden Horizonten Jenseitssehnsucht? In der Salonmalerei des 19. Jahrhunderts wird das Licht von Gelb zu Ocker herabgedämpft oder ganz vergessen. Es brauchte die Sehsucht und Leidenschaft von Vincent van Gogh, um geradezu prometheushaft das Feuer des Gelb in die Kunst zurückzuholen.

Gelbtöne - Blautöne

Zur Geschichte des Gelb gehört Blau als Partner. In manchen Bildern wird die Kombination zum Komplementärkontrast Gleb-Violett gebracht. Vincent van Gogh beschäftigte sich verschiedentlich mit Komplementär-Wirkungen. Im Sommer 1884 schrieb er: "Der Frühling ist ein zartes grünes junges Korn und rosa Apfelblüten. Der Herbst ist der Kontrast des gelben Laubes gegen violette Töne. Der Winter ist der Schnee mit den schwarzen Silhouetten. Wenn nun der Sommer der Gegensatz von blauen Tönen gegen ein Element von Orange im Goldbronzeton des Korns ist, könnte man so in jedem der Kontraste der Komplementärfarben .... die Stimmung der Jahreszeiten gut ausdrücken." (van Gogh, Briefe)

Im "Aehrenfeld mit Kornblumen" realisierte Vincent van Gogh die Kombination der "blauen Töne" zum "Goldbronzeton des Korns". Den in den Tönen angelegten Gegensatz von Ruhe und Unruhe verstärkte er durch die Pinselbewegung: Den Blautönen des horizontal gelagerten Duktus, den Kornähren aber flirrende Bewegtheit, in der die eigene vitale Unruhe vibriert.

Genau dreissig Jahre später setzte ein anderer "Heftiger", Ludwig Kirchner, in seiner Weise Gelb zu Blau. Er drängt beide Farben durch Grünbeigabe zu kälterer Tonart (es gibt auch eine Leidenschaft des Kühlen). Der Grund erhält durch die blaugrüngrauen Klänge und durch die - im besten Sinn - dekorativen Formen eine gewisse Zurückhaltung. Mit dem Gelb führt Kirchner die stilisierten Frauengestalten bis zur abstrakten Erhöhung.

Es ist Piet Mondrian, der das Gelb und Blau zur reinen ruhigen Harmonie bringt. Über der festgefügten tektonischen Konstruktion der schwarzen Stäbe mit genau eingebautem kleinen blauen Fundament strahlt das Gelb aus wie eine riesige Sonne.

Leuchten

Wenn man "das Auge ganz mit einer Farbe umgibt", schrieb Goethe, stimme diese Farbe Auge und Geist unisono". Und wenn die Farbe nun doch Gelb heisst, tauchen Auge und Geist gleichermassen ins Licht. Das erzeugt die Trance des In-die-Sonne-Sehens.

Roy Lichtenstein und Yves Klein schenken uns solche Totalerlebnisse. Auch Lucio Fontana beschwört das Leuchten des Absoluten, um jedoch sogleich mit scharfen Schnitten einem allfälligen meditativen versinken aggressiv entgegenzuwirken. Robert Indiana aber schreibt seine Liebeserklärung an Gelb in Sonnenfarbe: I LOVE YELLOW.

"Auge und Geist unisono": Das gilt bei Ingeborg Lüscher nicht nur für ihre gelben Skulpturen, sondern für ihr Schaffen überhaupt. eine stereometrische Form hüllt sie in Schwefelpulver ein, damit gibt sie ihr die Qualität des Lichts, des Immateriellen.

Auf eigene Weise vertraute Josef Albers sich - und uns - dem Gelb an. Er schafft mit hochsensibler Farbintelligenz Stufungen und erreicht, seinem Credo gemäss, " ein Atem und Pulsieren - in Farbe".

Von Cuno Amiet, der 1992/93 in Pont-Aven im Kreis der Gauguin-Freunde (Gauguin selbst war schon nach Tahiti gereist) malte, sagte der Solothurner Sammler Joseph Müller: "Amiet hat um 1900 die Farbe in die Schweiz gebracht." Zurück in der Schweiz, lebte und malte er von 1898 bis zu seinem Tod 1961 inmitten von Bauernhöfen und Wiesen auf der bernischen Oschwand. Die in Pont-Aven erprobte Intensität der Palette wurde nun noch durch die unverstellte Natur bestätigt. Als kühner Kolorist setzte er aber zum buttergelben Hügel das Rosa von Blütebäumen.

Wer Licht sagt, weiss vom Schatten: Gelb und Schwarz. Rebecca Horn macht daraus ein Paar: zwei grosse Glastrichter, im einen Kohlestaub, langsam aus kleinster Öffnung zu Boden rieselnd und dort einen "Gegenkegel" bildend, im andern, diesmal völlig verschlossenen Trichtergefäss gelbes Schwefelpulver, ein untastbares Leuchten.

Gelbgrund

Im Mittelalter liebte man die Verwendung von Gold. Die alten Meister konnten im Goldgrund das Licht des Wunderbaren einfangen und den Figuren Kostbarkeit verleihen. Maler unseres Jahrhunderts denken nur selten an Gold, aber ihre gelben Gründe können ähnliche Wirkung haben. (Und es gibt ja in der Kunst immer wieder versteckte Grüsse über viele Jahrhunderte). Gelb in seiner reinen Ausprägung ist ungreifbar strahlend, ohne Durchlässigkeit.

Wenn Henri Matisse den blauen Frauenkörpern seiner Collagen leuchtendes Gelb unterlegt, macht er die Figuren zu feierlichen Ikonen des Weiblichen.

Ob Hans Arp ein bisschen an Goldgrund gedacht hat, wissen wir nicht. Sicher aber steigern sich seine dunklen Wolken auf goldhellem Grund gegenseitig an Eindringlichkeit. Gehört zum lichten Fond nicht ein Engel? Vielleicht hat Arp ihn angedeutet in der kleinen strahlenden Weissform, die so schwebend wirkt.

Goldgelb wird bei Mark Rothko zur geheimnisvoll schimmernden Wand. Er beunruhigt sie nicht durch komplementäre Farben, sondern setzt die im Farbenkreis nachbarlichen Töne Weiss, Orange und Rot dazu. So bleibt die Magie des Lichtes gewahrt.

"Künstlers Lande", gelb oder golden überglänzt: das Erzählen davon wäre unendlich. in tausendundeiner Weise reden die Bilder in der Sprache Gelb nicht von bloss Irdischen, von Dingen, die sich üblicherweise unserm Auge entziehen.

Annemarie Monteil
Basel, 24. April 1996