Genesis: Ursprung, Schöpfung, Erschaffung von allem. Das erste Buch der Bibel, in welchem - nach Moses - Gott am ersten Tag das Licht erschuf, und mit diesem die Farben. Um genau zu sein schuf er zuerst die Farben und alle zusammen bündelte er zum weissen Licht. Ein Geheimnis, das er - nach 7170 Jahren - Isaak Newton mit Hilfe eines Prismas entdecken liess.

Johann Wolfgang Goethe hat bekanntlich - in souveräner Missachtung der naturwissenschaftlichen Tatsachen - eine eigene Genesis der Farbe geschrieben. Der biblischen Vorlage folgend ist es bei ihm „die Dunkelheit, die sich das Licht gebar". Damit kam die Polarität der Urphänomene in die Welt und erst aus dem Zusammenwirken beider entstanden die Farben.

Gehört Goethes Farbenlehre zur Geisteswissenschaft, wo sie der Mathematiker Andreas Speiser einordnete? Ich weiss es nicht. Für mich stellt sie eine grandiose Mythologie sui generis dar, jenseits von falsch oder richtig. Ihr Konzept ist schlüssig und die Bestandteile sind von unermesslicher Vielfalt. Im Erleben der Farben und im Erkennen der ihnen zugrundeliegenden Gesetzmässigkeiten erschliessen sich die universalen Taten und Leiden des Lichts - bis hin zur sinnlichsittlichen Wirkung.

Man muss die Farbenlehre lesen wie den Faust. Im Unterschied zu dieser Tragödie menschlicher Unzulänglichkeit ist sie Modell und Gleichnis von der Vollkommenheit der Schöpfung. Meine Genesis erhebt weniger Anspruch. Immerhin werkelte ich beinahe so lange daran wie Goethe am Faust. Die Gründe für das Unterfangen waren zahlreich und disparat.

Der erste Grund war der Wunsch, auf eigenen Pfaden in das wenig erschlossene Universum der Farben einzudringen. In meiner Vorstellung liegt der Anfang nicht im Dunkeln. Also am Ende einer Skala, sozusagen am Rand. Sondern im Zentrum. Hier kreuzen sich die Linien aller Polaritäten in einem Punkt. Dieser Punkt, der Nullpunkt, ist das absolute Grau. Von hier aus geht's in einer Richtung ins Dunkle, ins Schwarze, und in der entgegengesetzten ins Lichte, ins Weisse. Von hier aus geht's auch zu allen Farben. Das gefällt mir in jeder Hinsicht besser, wegen der Symmetrie.

Einer anderer Grund war Marcel Duchamp mit seinem Grand Verre. Es leuchtete mir ein (das Licht), dass ein Künstler einmal im Leben etwas Grosses schaffen sollte. Und sei es bloss im Format. Ich dankte es ihm mit einer Hommage, indem ich das gerissene Autoprofil des leidenschaftlichen Schachspielers, das er Marcel déchiravit nannte, ins Schachbrett projizierte und doppeldeutig, wie er es liebte - aux échecs hinzufügte. Später stellte sich heraus, dass dieses kleine Bild mit der Struktur meiner Genesis identisch war, eine (willkommene} Koiinzidenz, keine Absicht.

Wieder ein anderer Grund war der kalte Krieg, der unmittelbar nach dem heissen anfing (-lang ist's her). Es war in der Zeit der kommunistischen Schauprozesse und des Koreakrieges, als ich verstört und gleichwohl fasziniert Bücher über Gehirnwäsche und psychologische Kriegsführung las. Vor allem beeindruckten mich Berichte über Techniken, wie Menschen gewaltlos in den Wahnsinn zu treiben sind. Indem man sie zum Beispiel in eine Zelle sperrt, die Keinen rechten Winkel hat; ohne Horizontale, ohne Vertikale. Oder - besonders wirksam - in eine Zelle, die rundum Schachbrett -gemustert ist.

Das lehrte mich, dass in den harmlosen Medien, mit denen ich hantierte - in Farben und Formen - eine teuflische Macht steckt. Was wiederum meine Neugierde weckte: vielleicht war ein Zipfel dieser Macht für die Kunst nutzbar zu machen? - in unbewegten Bildern, die sich in den Köpfen der Betrachter zu bewegen anfingen?

Lange experimentierte ich mit allen möglichen Schachbrettern, um möglichst wirksame Effekte zu erzielen. Ich wollte zwar niemandes freien Willen vergewaltigen, aber provozieren, das schon. Aufrütteln, das Empfinden via Auge mit neuen Erfahrungen konfrontieren. Es war mein Seiteneinstieg in die (gleichzeitige) Op Art. Schliesslich - es muss Mitte der siebziger Jahre geworden sein (die Op Art war längst ein alter Hut) war der Entwurf meiner ersten Genesisfassung fertig um gleich wieder verworfen zu werden.

Denn es stellte sich heraus, dass das formale Konzept, das ich mir zurechtgelegt hatte, völlig untauglich war. Es bestand aus Tafeln in der Proportion von sechs übereinander angeordneten Quadraten mit verschieden grosser Schachbrettmusterung. Auf allen Tafeln befindet sich die gleiche Anzahl Elemente, was jedoch wegen der unterschiedlichen Anordnung nicht zu erkennen ist. Auf diesem flimmernden Firmament sollten die Himmelskörper- sprich: die Inhalte, die mich beschäftigten - eingewoben werden. Das Dumme war bloss: was als Untergrund, als Struktur gedacht war, wurde selbst zum Bild; zu Form versus Inhalt.

Nach dieser Einsicht entschloss ich mich ohne weiteres Hin und Her, die langwierige Recherche zu vergessen und dem intergalaktischen Raum meines Weltalls die denkbar reduzierteste Struktur zu geben: ein neutrales Schachbrett aus durchgehend kleinsten Einheiten, die sich wiederum zu Grau vermischen. Darauf werden die Inhalte zu Form.

Genesis flimmert zwar immer noch, aber nur dort, wo sie soll.

Karl Gerstner, 9. 3. 99